Reichraminger Kirtag, August 2006

Von Florian Seebauer

Ein Kirtag, der ist lustig!
 

Im August 2006 geschahen zweierlei einschneidende Ereignisse im Leben der beiden Schermbergler Sepp Zehetner und Florian Seebauer: Ihnen gelang die Klettertour „Konkurs“ in der Planspitze-Nordwestwand (Gesäuse; 6+, siehe entsprechender Bericht weiter unten) und der erste Schritt für eine Begehung des „Großraminger Kirtages“ (Planspitze-Nordostwand; 7-) wurde gesetzt: Beim Abstieg von der ersten Tour noch voller Eindrücke, waren die Augen und Gedanken der beiden schon beim „Kirtag“. Eine 7- Tour in der gewaltigen Nordwand, das war ein Ziel für nächstes Jahr!

Am 15.Juli 2007 standen dann die beiden erneut frühmorgens auf der Gesäusestraße, wieder stiegen sie 2 h steil am Höllersteig dem Wandfuß entgegen – wie ein Jahr zuvor rückten die bleichen Kalkfluchten langsam näher. Doch diesmal nicht nach rechts zum „Konkurs“ oder zu den anderen, bekannten Touren in der Nordwestwand. Nach links, bis zum Jausenplatz unter den zahlreichen Gedenktafeln. „Memento mori – Menschlein, gedenke Deiner Sterblichkeit!“, so schienen sie zu rufen.
 

Eine kurze Rast, ein Brot, ein Schluck – dann banden sich die beiden an das gemeinsame Seil. Der „Glatterriss“, eine Einstiegsseillänge auf die nächste Schrofenterrasse, wartete auf die beiden. Glatt war er wohl, der Riss – aber die zwei Schermbergler hatten schon billigere 3+ Längen erlebt. Wasser sickerte durch den Riss und hatte das Gestein gelockert; vorsichtig schlich sich Sepp nach oben. Jeder Griff wurde geprüft, jeder Tritt vorsichtig belastet – weit über schlechten Zwischensicherungen ist nicht gut Nasen bohren… Der Spuk war vorbei, ehe das Seil ausgegangen – und leichtes Schrofengelände führte die beiden Kletterer zum eigentlichen Einstieg der Tour in einer ausgeschwemmten Rinne ca. 150 m weiter oben.
 

Vor den Bergsteigern ein gewaltiges Verschneidungssystem: Entlang einer natürlichen Linie von Rissen und Schwachstellen in Überhängen zieht die Tour 10 Seillängen gerade empor bis zum Ausstieg am Pichlweg. Noch waren die beiden alleine in der Route: Manchmal hörten sie Rufe aus dem Pichlweg, aber die meiste Zeit beherrschten die wenigen Geräusche der Natur die Szenerie. Vor den ersten Zügen tobte noch heiß das Tosen des Blutes in den Ohren, die Nervosität forderte ihren Tribut…
 

Nicht immer war der Verlauf der Kletterei ganz einfach zu finden. Bohrhaken wiesen oft den Weg, doch waren diese in recht weiten Abständen gesetzt und aufgrund ihrer mattgrauen Farbe oft schwer zu sehen. Für Gesäuse-Verhältnisse sehr gut abgesichert, im Vergleich zu vielen Plaisir-Touren aber doch eine Herausforderung an ambitionierte Vorsteiger. Zuerst über Platten, dann immer steiler tasteten die zwei Schermbergler sich empor. Bombenfester, hellgrauer Kalk, aufgrund der Steilheit kaum Schotterbänder – rau und wasserzerfressen, keine sichtbaren Begehungsspuren: Ein wahrer Kirtag!

Bald waren die Kletterer nicht mehr alleine in der Tour: Eine zweite Seilschaft rückte näher. „Den kenn’ ich doch!“ – Alpinprominenz! Hans-Peter Scheb, der Obmann des Bergrettungsdienstes Gesäuse, war einem der beiden Schermbergler Ausbildner, dem anderen vielfach am Vorabend von langen Touren befragte Auskunftsstelle über Tourenverhältnisse gewesen. Selbst ein Bergführer, war er mit einem alpinen Berufskollegen unterwegs.


Die Schlüsselstelle wartete in der 6. Seillänge: Ein gewaltiges Dach musste seitlich an seiner schwächsten Stelle überwunden werden. Zuerst ein kleiner Überhang, dann eine steile Rissverschneidung und zuletzt eine spiegelglatte Querung zurück in die Verschneidung. Nur langsam konnte das Seil vom Stand an den Vorsteiger ausgegeben werden. Dann - ein Ruck, ein Schrei, ein Schreck – „Sepp, was ist passiert?!“ Fluchend baumelt der Schermbergler unter dem letzten Haken. Ein falscher Schritt und schon forderte die Schwerkraft unnachgiebig ihren Tribut! Im zweiten Versuch löste sich die 7- Stelle besser auf; aber auch der Nachsteiger hatte seine liebe Not…

Die nächsten Seillängen forderten zwar volle Konzentration, konnten aber die Kletterer nicht mehr aufhalten. Bald war der kreuzende Pichlweg – eine klassische und relativ oft begangene Tour im 3. Grad – erreicht. An diesem Punkt veränderte sich der Fels schlagartig: War der Kalk bisher bombenfest und kompakt, so wurde er ab hier brüchig, kleinsplittrig und höchst unangenehm. Nur selten begeht eine Seilschaft die letzten Längen des „Kirtages“. Auch die beiden Welser freuten sich über das Erreichte und nutzten den Pichlweg zum Ausstieg in die Seescharte zwischen Planspitze und Peterschartenkopf. Ein lang gehegter Plan war in Erfüllung gegangen – wieder eine große Gesäusetour bestanden.
 

Die zwei Bergführer versuchten zunächst den direkten Ausstieg. Nachdem sich der Vorsteiger jedoch beim Legen einer Sicherung hinter einem kühlschrankgrossen Block beinahe mit demselbigen in die grundlose Tiefe verabschiedet hätte, kamen auch die beiden reumütig zum üblichen Ausstieg – die zwei waren froh über den glücklichen Ausgang des Abenteuers und die beiden Schermbergler glücklich darüber, nichts versäumt zu haben…