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2023_Eine Reise durch die längste Gebirgskette der Welt

 von Marcus Winterer

 

Eine Reise durch die längste Gebirgskette der Welt 

Bilder

Im Rahmen unserer Südamerika-Reise im Frühling 2023 hat es meine Freundin Theresa und mich in die Cordillera Real in Bolivien sowie die Cordillera Blanca in Peru verschlagen - bei den atemberaubenden Ausblicken auch oft einmal die Sprache. Cordillera heißt so viel wie  „Bergkette“. Ein äußerst passender Name für diese abgelegenen Gebirgsregionen, denn die Bergwelt Südamerikas fädelt sich als längstes Gebirge weltweit wie eine Kette 7500 Kilometer über den Kontinent.

Hoch, höher, La Paz 

Anfang April verlassen wir Kolumbien und landen per Flugzeug am höchstgelegenen internationalen Flughafen der Welt in El Alto, Bolivien. Mit 4100 m über dem Meeresspiegel ist dieser Flughafen auf der trockenen Hochebene des Altiplano nichts für schwache Mägen. Unsere Unterkunft liegt zwar in La Paz auf “nur” 3600 m, aber auch dort mussten wir es die ersten paar Tage erstmal ruhig angehen, um uns an die dünne Luft zu gewöhnen. Jeder Schritt fühlt sich schwer an und selbst die kleinen Gassen von La Paz, die sich den Hügel hinauf schlängeln, bringen uns zum Keuchen. 

 El Alto war früher ein Stadtteil von La Paz und wurde 1985 zu einer eigenständigen Verwaltungseinheit. Hier lebt vorrangig der ärmere Teil der Bevölkerung und die Menschen hier leiden unter den negativen gesundheitlichen Effekten, die mit der großen Höhe einhergehen. In der Nachbar- und Hauptstadt La Paz leben die besser situierten Gesellschaftsschichten und auch Touristen quartieren sich hier ein. Seit gut zehn Jahren kann dieses soziale Gefälle mithilfe von österreichischer Technologie, nämlich einem ausgeklügelten Seilbahn-System von Doppelmayr, überwunden werden. Um gerade einmal drei Bolivianos (ca. 40 Cent) pro Fahrt schweben wir mit hochmodernen Gondeln über die Stadt. Wir bestaunen das Meer aus Ziegelhäuschen und Hochhäusern, gerahmt von der Weite des Altiplano und dem Blick auf den Illimani - mit 6.439 m der höchste Berg Boliviens.

Die Gebirgs-Autobahn Boliviens: Der Huayna Potosí 

Die Cordillera Real ist noch immer sehr unberührt, viele Touristen übersehen diese Bergkette, wenn sie nach Südamerika kommen. Das karge Gebiet bietet viele Möglichkeiten zur Erkundung auf eigene Faust, fernab der Zivilisation und doch so nahe zur Metropole La Paz. Nur Lamas und Alpakas sagen Hallo. Es geht aber auch anders, wie meine Tour zeigt.

Da Theresa nicht unbedingt die höheren Gipfel der Cordillera Real besteigen will, setze ich mich mit einem der vielen Bergführer-Büros in La Paz in Verbindung. Um ein Gefühl für die hohen Berge zu bekommen, entscheide ich mich für den Klassiker schlechthin, den 6.088 m hohen Huayna Potosí. Er wird als einer der leichtesten 6000er überhaupt beworben. Dass der Berg viele Leute anzieht, wird mir spätestens am Tag der Anreise bewusst. In zwei Bussen wird unsere Gruppe zuerst zum Materiallager gefahren, dort können Steigeisen, Gurte, Helme, Hosen und Schuhe, eben alles was man für eine Gletscher-Tour benötigt, ausgeborgt werden. Es stellt sich heraus, dass aus diesen zwei Bussen noch niemand jemals mit Steigeisen in Berührung kam. Ebenso fällt auf, dass sich unter den Teilnehmern kein einziger Südamerikaner befindet, sondern vorwiegend Europäer und Nordamerikaner diesen Aufstieg wagen. 

Damit der Gipfelbesteigungs-Versuch von Erfolg gekrönt wird, werden allerlei Hilfsmittel in Anspruch genommen. Das Sammelsurium reicht vom traditionellen Kauen von Coca-Blättern, auf das die Einheimischen schwören, über Diamox, einem Medikament, dass die Atmung beschleunigt, bis hin zu Asthmaspray (auch angewendet von Nicht-Asthmatikern) und Schmerztabletten in allen Formen und Farben. Ich kann nachvollziehen, dass zur Linderung der Auswirkungen von großer Höhe auf den Körper Medikamente zum Einsatz kommen. Dass aber mehrere oder sogar alle aufgezählten Medikamente parallel angewendet werden, nur um weiter aufsteigen zu können, überrascht mich dann doch. Die Opferbereitschaft mancher ist hier sehr hoch.

Der Gipfeltag beginnt bereits um 00:00 Uhr Mitternacht und der Großteil der Gruppe startet die Tour um 01:00 Uhr. Die ca. 800 Höhenmeter vom Refugio Campo Alto Roca (5150 m) bis auf den Gipfel sind durchwegs flacher Gletscher, nur der Firngrat in Gipfelhöhe ist luftig. Circa 50 Gipfelaspiranten versuchen sich an diesem exponierten Eisriesen. Kurz vor Sonnenaufgang um 6:30 Uhr erreichen wir den Gipfel. Der tolle Fernblick erstreckt sich vom Altiplano einer abflusslosen Hochebene, die die West-Anden (Cordillera Occidental) und die Ost-Anden (Cordillera Oriental) trennt. Im Osten zeigen sich die Ausläufer des bolivianischen Dschungels. Unser Blick schweift über La Paz und dem nahe gelegenen Vulkan Illimani (6.439m). 

Die Cordillera Blanca - eine Bergwelt aus dem Bilderbuch 

Mit dem Drahtesel auf Erkundungstour 

Im Mai heißt’s Adieu Bolivien und unser nächstes Abenteuer steht vor der Tür: Peru. Die berühmte Cordillera Blanca war von Anfang an Pflichtprogramm in unserem Reiseplan - wir wurden nicht enttäuscht. Theresa und ich begeben uns in die belebte peruanische Bergstadt Huaraz, ein El Dorado für sportliche Aktivitäten aller Art, angefangen von Mountainbiken über Klettern bis hin zu mehrtägigen Trekkings rund um die Cordillera Huayhuash oder den Santa Cruz Trek.

Zum Auftakt mieten wir ein Mountainbike. Um den bellenden Hunden zu entfliehen, lassen wir uns und unsere Bikes per Taxi kutschieren, um in das verlassene Rajucolta Tal zu kommen. Gerade am Stadtrand und in kleinen Dörfern trifft man auf eine nicht enden wollende Schar an Hunden, die gegenüber unbekannten Menschen teils sehr aggressiv reagieren - vor allem, wenn man am Fahrrad daherkommt. Kurz vor Purush, unserem Ausgangspunkt, wird unsere Weiterfahrt von einheimischen Bauern unterbrochen, ein Lagerfeuer mitten auf der Straße. Unseren Taxifahrer scheint das aber nicht zu kümmern, er steigt ins Gas und überrollt das Lagerfeuer einfach. Man will sich gar nicht vorstellen, was da alles in Flammen aufgehen hätte können.

Von Purush aus radeln wir entlang eines kleinen Bergbaches mit exotischen Blumen und Kieferbäumen in das entlegene Tal. Im Talschluss angekommen, bestaunen wir einige Andenkondore. Erhaben gleiten sie mit ihrer Spannweite von bis zu 3 Metern über unsere Köpfe. Wahrlich ein Spektakel. 

Der Yanapaccha: Ein Juwel der Cordillera Blanca 

Endlich steht die nächste Bergtour an: zur Westwand des Yanapaccha (5.460 m). Dieser ist Teil des Huascarán National Parks. Die Wand ist 200 Meter hoch und mit 50 Grad moderat steil. Laut Erzählungen sollten zum Zeitpunkt meiner Besteigung jedoch relativ gute Bedingungen herrschen. Die Anfahrt erfolgt wie immer per Sammeltaxi und geschlafen wird im Zelt, denn eine Berghütte gibt’s auf der Route dieser Tour nicht. Berghütten gibt es in dieser Region nur wenige. Nach einem ausgiebigen Frühstück starten wir die Tour um 03:00 Uhr morgens. Zuerst queren wir eine Schutthalde und schon bald darauf beginnt auch der Gletscher. Es war über Nacht nicht immer wolkenlos, das macht sich nun bemerkbar. Der Schnee ist über Nacht nicht vollständig durchgefroren. Aber je steiler es wird, desto kompakter wird auch die Unterlage, was unsre Zuversicht mit Blick auf die bevorstehende Flanke stärkt. Beim Umbau der Gletscher-Seilschaft auf’s Klettern schlagen wir einen Firnanker in den Schnee. Zum Schlagen von Stufen eignet sich der Firn hervorragend, zur Verwendung von Firnankern ist er jedoch herzlich ungeeignet. Aus wohl moralischen Gründen stecken wir aber trotzdem fleißig den Firnanker Seillänge für Seillänge in den Schnee. Auch wenn wir auf unter 5.500 m noch keine großen Mashrooms (= steile Eisformationen) zu Gesicht bekommen, sind wir trotz allem erstaunt von der Andersartigkeit des tropischen Schnees nahe des Äquators. Ein großer und eindrücklicher Kontrast zu dem, was ich aus Europa gewohnt bin.